Nachruf für Gerd Wildau

Erst zwei Wochen nachdem er uns am 17.10.2019 verlassen hat, erreichte mich die Meldung von seinem Tod. Ich hatte mich tatsächlich letzte Woche noch gewundert, dass er in der zweiten Runde seiner SG Chemie Wolfen in der Bezirksoberliga der aktuellen Spielzeit fehlte. Er muss gute Gründe gehabt haben, eine Familienfeier, Urlaub oder sowas. Hoffentlich ist er nicht schlimmer krank, dachte ich. Zuletzt waren wir nur noch gelegentlich per E-Mails in Kontakt. Sein Herz schlug zum Zeitpunkt meiner Gedanken bzw. kurzen Sorgen schon gar nicht mehr und die traurige Nachricht von seinem Tod mit nur 67 Jahren war schließlich ein Schock. Der Schachbezirk Dessau, der SC Anhalt und ich ganz besonders trauern um Gerd Wildau, wir trauern um einen außergewöhnlich gutherzigen Menschen, eine treue Seele, einen ansteckend begeisterungsfähigen und zuverlässigen (Schach-)Freund.

Als Lehrer und Schüler begegneten wir uns 2003 zuerst im Fach Physik, schon sehr bald sollte fast ausschließlich das Schachspiel im Zentrum seiner Übermittlung von Wissen an mich stehen. Auf seine Frage, ob jemand Interesse an der Schach AG hätte, welche er am Philanthropinum Dessau anbot, meldete ich mich erst vorsichtig, später war diese über Jahre eine feste Größe im Stundenplan. Wir spielten unzählige Partien, wir analysierten, werteten eigene Punktspielpartien gemeinsam aus, überlegten uns neue Ideen in Eröffnungen, belehrten uns in erforschter Theorie, freuten uns, wenn wir einander im Blitzschach regelmäßig gegenseitig austricksten. Es war die Regel, dass wir nach regulärem Ende der Schach AG noch stundenlang zu zweit am Brett saßen - teilweise bis in den späten Nachmittag. Uns beide verband eine schier unstillbare Freude am Schachspiel. Ich begriff erst später, und tue es beim Schreiben dieser Zeilen erneut, wie viel Freizeit und Engagement abseits des Schulalltags er hier investierte.

Anfangs freute er sich über Fortschritte in der Leistungsstärke, die ich im Schach durch unser intensives Training machte, motivierte mich dazu in einen Schachverein einzutreten. Später, leistungstechnisch auf Augenhöhe, genossen wir fast jede einzelne gemeinsame Partie gegeneinander. Unser Spielstil war sich ähnlich, das Blitzschach eine besondere Leidenschaft von uns beiden. Er war einer von den Schachspielern, die bei kürzerer Bedenkzeit scheinbar stärker spielen oder zumindest erfolgreicher sind. Neben der Begeisterungsfähigkeit für Schach war dies vielleicht die größte Gemeinsamkeit von uns beiden, die wir in unzähligen Partien auch ausgiebig teilten.

Ich war nur einer von vielen jungen Menschen, die er im Laufe seines Lebens intensiv an das Schachspiel heranführte. Schließlich erzählte er mir von genügend anderen Geschichten aus seinen Jahren in denen er als Schachlehrer tätig war. Ich sog diese Geschichten nahezu auf. In den Schulen in denen er tätig war sowie in seinen Schachvereinen war er in der Nachwuchsförderung aktiv, brachte sich so neben der Organisation vieler Turniere nachhaltig für das Schach in unserem Schachbezirk und darüber hinaus ein. Seine Art andere für Schach zu begeistern war einmalig und immer wieder erfolgreich. Ohne Gerd Wildau wäre ich nicht zum Schach gekommen, ohne sein Wirken hätte dieses Hobby nicht so einen festen Platz in meinem Leben. Je mehr Zeit wir gemeinsam am Schachbrett verbrachten, desto mehr lernten wir uns als Menschen kennen und schätzen. Wir blieben noch lange nach meiner Schulzeit und nachdem ich Dessau und Sachsen-Anhalt für Studium und Beruf verließ in Kontakt, freuten uns immer, wenn sich die Wege kreuzten und man sich wiedersah. Diesen Kontakt wollte ich auch nie abbrechen. Für mich persönlich war er ein viel zu wichtiger Mensch, um ihn einfach aus den Augen zu verlieren. Ich habe ihm sehr viel zu verdanken.

Gerd Wildau war ein bescheidener, selbstloser Mensch. Er strahlte selbst nach vielen privaten Schicksalsschlägen stets Gutmütigkeit und Menschlichkeit aus. Er war ein Familienmensch und hatte voller Hilfsbereitschaft immer ein offenes Ohr für andere. Man konnte sich stets auf ihn und auf sein ehrliches Wort verlassen. Er hat mich nicht nur als Schüler und Schachspieler, sondern auch als Mensch geprägt. Ich bin unglaublich dankbar, dass wir uns begegnet sind und werde ihn nicht vergessen. Sein Verlust stimmt mich heute sehr traurig, aber meine Kinder wissen von wem Ihr Papa das Schachspielen gelernt hat und es kann für mich nur ein kleines Dankeschön an Gerd Wildau sein, dass ich Zeit meines Lebens versuchen werde mit seiner Hingabe für das königliche Spiel zu werben und es der nächsten Generation beizubringen. So wie er es bei mir tat. Wenn es mir gelingt, die Schönheit des Schachspiels nur halb so gut zu vermitteln und für das Spiel zu begeistern, wie er es konnte, kann ich dankbar sein. Unweigerlich ist Gerd Wildau Teil jeder einzelnen Partie, die ich spiele und noch spielen werde.

Gerd, du bleibst dabei voller Anerkennung und verbunden mit einem herzlichen Dankeschön unvergessen!

Wir werden dich vermissen und ich möchte, auch im Namen des SC Anhalt, seinen Hinterbliebenen, Angehörigen und Schachfreunden in Wolfen, im Bezirk Dessau und darüber hinaus, mein Beileid aussprechen und wünsche allen, dem dein Verlust so nah geht wie mir, viel Kraft in den schweren Stunden und Gottes Segen.

Johannes Klaus, im Oktober 2019.